Der Junge, das Reh und der Wolf


Vor langer Zeit lebte einst ein kleiner Junge bei einer alten Frau weit weg in einem finsteren Wald. …
An einem Abend, die Hexe war gerade zwei Tage fort, um ihre Kräuter bei den Menschen zu verkaufen, da klopfte es an der Hüttentür. “Ich darf nicht öffnen!“ rief der Junge. Es klopfte abermals an die Tür: “Ich darf nicht öffnen, geh weg!“ aber das Klopfen hörte nicht auf. Er hielt sich die Ohren zu, um nichts hören zu müssen. Er sagte vor sich hin: “Ich bin so klein, hab nur dich allein, sag ich je nein, so werd ich zu Stein“. Da vernahm er ein jämmerliches Weinen und Schluchzen: “Oh bitte, bitte, öffne mir die Tür, sonst muß ich elendig sterben!“ Da spürte der Junge, wie etwas sich in ihm regte, so etwas wie Mitleid, gleichzeitig überkam ihn auch eine große Angst vor der alten Hexe und der angedrohten Versteinerung. “Ich bitte dich, gehe weg, ich darf dir nicht helfen.“ Die Stimme aber hörte nicht auf zu weinen, und es rührte ihn sehr. Da dachte er bei sich: “Nun gut, mit zwei steinernen Fingern kann man noch leben und auch gehen.“ Und er ging und öffnete die Tür. Ein Reh lag auf der Schwelle, es konnte vor Schwäche nicht mehr den Kopf heben. Da eilte der Junge in die Hütte, um Brot und Wasser zu holen, als ihm einfiel, daß die Hexe ihm verboten hatte, sich selber zu bedienen. Er blieb wie erstarrt stehen, eine unbändige Angst hielt ihn zurück. …
(http://palaverbaum.de Märchen Band 1)

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