Gevatter Tod und das kleine Mädchen


Vor langer Zeit lebte einmal eine Witwe mit ihren beiden Kindern an einem Waldrand. …
Eines Tages ging die Mutter mit ihrer kleinen Tochter zu einer alten Frau, der sie die Wäsche flicken sollte. Die alte Frau gab sich recht freundlich, zeigte auf den großen Berg Wäsche und sagte dem kleinen Mädchen:“ Du kannst überall im Hause spielen, nur das Zimmer oben im Dach darfst du nie betreten!“ Das Mädchen nickte. …
„Ich werde die Tür nur einen winzigen Spalt öffnen,“ dachte das Mädchen und also tat es dies. Kaum ward ein kleiner Spalt offen, da kam ein heftiger Windstoß und trieb sie in das verbotene Zimmer hinein. Sie sträubte sich, aber es half nichts. Als sich ihr Herz beruhigt hatte, schaute sich das Mädchen um. Es war eine große Höhle, in der sehr viele Kerzen standen. Große und kleine, dicke und dünne, Kerzen, deren Flammen erhaben leuchteten und Kerzen, deren Flammen fast erloschen. Während sie dem Spiel der Flammen zusah, bemerkte sie plötzlich eine Gestalt neben sich. Es war eine lange, dürre Gestalt, die einen schwarzen Kapuzenmantel trug. Ihr Gesicht war sehr knochig. „Was tut du hier? Wer hat dir erlaubt, mein Reich zu betreten?“ „Jeder, der es wagt, mein Reich zu betreten, wird sterben.“ Die Gestalt hob drohend eine Sense, die sie in der rechten Hand hielt. „Halt ein“, rief das Mädchen „ ich werde dir mein Leben lang dienen, wenn du mich verschonst.“ Die Gestalt ließ die Sense sinken. „Nun gut, brummte sie, ich werde es mit dir versuchen.“
„Wer bist du, fragte das Mädchen und wie kann ich dir dienen?“ „ Ich bin der Tod“, antwortete die knöcherne Gestalt. Das Mädchen erschrak fürchterlich, ihr wurde es plötzlich eiskalt und sie ergriff die Flucht. Da griff eine kalte Knochenhand nach ihr und hielt sie fest. „Du kannst mir nicht entfliehen, ich habe Macht über alle Menschen“, sagte der Tod. Da stand sie nun wie gelähmt und blickte angstvoll in das knochige Gesicht. „ Siehst du die Kerzen?“ fuhr er fort. „Die großen Kerzen sind die Kinder, die noch ein langes Leben vor sich haben, die kurzen sind Menschen, die nicht mehr lange leben werden und die Kerzen, die fast zu erlöschen drohen, sind die Menschen, die ich heute noch holen werde.“ So sprach der Tod und blickte sie ernst an.
Das kleine Mädchen schluckte schwer. „Hast du auch die Kerze meines Vaters, der vor 2 Jahren gestorben ist“, fragte es leise. „Ja, natürlich, lachte der Tod und führte sie in eine Kammer, wo ausgebrannte Kerzen mit verkohlten Dochten zu tausenden neben- und untereinander in Regalen standen. Neben jeder Kerze lag ein Schildchen mit einem Namen darauf. Er zeigte auf die ausgebrannte Kerze, auf deren Schildchen „Hans Mühsam“ stand. „Ja, das ist der Name meines Vaters …“

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